Shame on us – über Körper, Sex und Scham in „Girls“

DSC_0041Die Idee zu diesem Text kam mir vor Kurzem beim Gespräch mit einer Freundin über die HBO-Serie Girls. Sie sagte mir, dass sie froh darüber sei, dass die Hauptpersonen Hannah und Adam in der dritten Staffel nicht mehr so häufig beim Sex, sprich nackt, zu sehen seien, da dieser Anblick für sie schwer erträglich sei. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, denn auch ich habe ein gewisses Unbehagen bei diesen Szenen verspürt, wie auch bei Folge sieben der dritten Staffel, in der Hannah die meiste Zeit nur einen Bikini trägt, habe ich Scham verspürt. Dabei sind wir uns alle einig, dass Girls eine großartige Serie ist und Hannah endlich mal eine Protagonistin, die nicht der glatt gebügelten schlanken 0815-Serien-Norm entspricht. Gefühle richten sich allerdings nicht nach ethischen Kopfentscheidungen, manchmal nicht einmal konsequent nach Herzensentscheidungen, sie schwimmen irgendwo im Unterbewusstsein zwischen kulturellen Bildern und persönlichen Erfahrungen und es lohnt sich immer, herauszufinden wo sie ihren Ursprung haben.

Körper

In manchen Momenten hatte ich das Gefühl, dass diese Frau von einem anderen Planeten kommt: Hannah zeigt ihre Pfunde und isst dabei nahezu ununterbrochen vor allen Leuten und noch dazu mit Genuss! Sicher isst sie manchmal auch aus Verzweiflung und aus Gewohnheit, aber dennoch ist das, was wir hier sehen revolutionär. Als Kulturwissenschaftlerin, der Vielfalt sehr am Herzen liegt, bin ich inhaltlich sofort dabei, aber dennoch sagt mir mein Gefühl: „Darf sie das? Darf ich das sehen? Ich weiß ja, dass es darauf ankommt wie man sich fühlt, aber müssen wir letztendlich nicht doch perfekt sein, um uns in der Öffentlichkeit zeigen zu dürfen?“ Essen wird in der Serie zum politischen Statement. Hannah isst und isst und isst und ist dabei nicht schlank. Das ist skandalös! Frauen dürfen in Filmen sonst nur genussvoll essen, wenn sie schlank sind und Männer sie mit großen Augen anstarren und beeindruckt sagen können: „Du hast aber großen Hunger!“

Die wichtigste Frage ist dabei, wer eigentlich entscheidet wie wir auszusehen haben. Sicher spielt die äußere Erscheinung in all unseren Beziehungen eine Rolle, aber warum kann unsere Gesellschaft nicht auch medial eine Vielfalt abbilden, in der sich jeder Mensch wiederfinden kann. Warum muss es immer die Norm geben und warum wird eine Abweichung von dieser als minderwertig betrachtet?

Klar möchten wir frei sein, theoretisch. Wenn wir die Freiheit dann vor unseren Augen sehen, ist sie irgendwie … zu … frei. Diese Lust und Leben tötenden Normen sind einschränkend, ja, sie geben uns das Gefühl nie schön genug, nie gut genug, nie erfolgreich genug zu sein, aber gleichzeitig geben sie uns noch etwas Anderes: Sicherheit. Die krank machende Sicherheit, nicht zu genügen. Wie verrückt ist das eigentlich?! Diese Normen geben uns ein Gerüst, auch wenn dieses von Grund auf destruktiv ist. Von klein auf sehen wir die Werbefotos der überirdisch schönen Menschen, makellosen Frauenkörpern und starken Männern. Das Ganze hat System; und zwar ein wirtschaftliches. Dieses an sich unerreichbare perfekte Bild von Schönheit, können wir angeblich kaufen. Die Werbung für Kosmetik, Kleidung, ja sogar Katzenfutter, lockt uns mit schönen sexualisierten Bildern. Unbewusst ist unser Einkauf also mit dem Kauf von Schönheit, Perfektion und der damit angeblich einhergehenden Attraktivität verbunden, die uns erfolgreich und liebenswert machen soll. Die darunter liegenden Bedürfnisse, so sein zu dürfen wie wir sind, unser Selbst entfalten zu können und dafür allein geliebt zu werden, werden überlagert, indem wir mit dem Gefühl leben, minderwertig zu sein und uns durch Konsum upgraden zu können. Auch wenn mir mein Kopf und mein Herz etwas anderes sagen, irgendwo in meinem Unterbewusstsein gibt es immer noch das Bild, reich, schön, erfolgreich, fröhlich sein zu müssen. Das zeigt mir wie intensiv wir diese Bilder im Laufe unseres Lebens aufnehmen, ohne es zu merken. Bilder, die uns während unserer Entwicklung geprägt haben, lassen sich nicht einfach aussortieren, sie sind Teil unseres Erlebens und damit auch Teil unseres Selbst geworden.

Es ist eigentlich unnötig dazuzusagen, dass es nicht möglich ist, den unnatürlichen Wunsch nach Perfektion über einen Kauf befriedigen zu können und wir durch diese Fehlschaltung immer wieder nach kurzer Lust mit tiefem Frust im Regen stehen werden. Immer wieder von neuem vollziehen wir eine Ersatz-Handlung ohne dass wir uns dessen bewusst sind und wundern uns, warum wir nicht zufrieden sind. Weiblichkeit und Sexyness werden zu Produkten. Über weibliche Sexualität wird eine Vielzahl der Produkte beworben, was verheerende Folgen für die Fremd- sowie die Selbstwahrnehmung von Frauen hat. Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Gleiche für Männer gelte. Dem stimme ich zu. Dennoch übersteigt die Vermarktung des weiblichen Körpers quantitativ und qualitativ die des männlichen bei weitem. Wenn das Bild des weiblichen Körpers ein Produkt ist, erschwert dieser Umstand das Finden des körperlichen Selbst. Frauen können sich verschiedene Bilder von Weiblichkeit aneignen, verhandeln verschiedene Rollen über bestimmte Bilder am eigenen Körper. Dabei begeben sich die Frauen auf ein Mienenfeld. Wenn ich keine sexuelle Belästigung riskieren möchte, darf ich mich nicht zu aufreizend kleiden. Bei Karriereplänen ebenfalls nicht, aber ich darf auch nicht zu unscheinbar oder mädchenhaft sein, sonst brauche ich mich nicht wundern, wenn ich trotz Qualifikation übersehen werde. Ein paar Pfunde zuviel? Das kann man gut kaschieren, man muss nur wissen wie. Unzählige Magazine für Frauen wissen Rat, gleich nach den Tortenrezepten und den Tipps, wie ich mir am besten einen Mann angele und diesen glücklich mache. Bei all diesen Verhandlungen kommt das Sein allerdings zu kurz, aus Angst, nicht richtig zu sein, vergessen wir uns völlig.

Sex

Und was ist mit dem Sex? Sex spielt eine wichtige Rolle in „Girls“ und dieser Sex hat nichts mit dem genormten cleanen Werbesex zu tun. Auch mit unserer aktuellen Pornografie, deren Prinzipien inzwischen auch nahezu überall in der Werbung zu finden sind, hat er nur indirekt zu tun. In Girls sehen wir Sex, der zwar von Pornografie beeinflusst ist, aber wir sehen echte Menschen in ihrem Scheitern an diesen Vorgaben. Wir sehen Menschen, die durch Sex ihre innere Leere füllen wollen und immer wieder scheitern. Anders als in einem Porno sehen wir Menschen und keine Maschinen. Anders als in der Werbung sehen wir hier Körper mit Makeln. Diese unperfekten Körper treffen aufeinander und haben unperfekten Sex. Das haben wir selten bis nie in dieser Form gesehen und ich halte es für absolut nachvollziehbar, dass diese Erfahrung verwirrt und auch ein wenig verstört. Der Sex soll so schön sein wie die Körper in der Werbung, aber natürlich auch gut, auf die richtige Art schmutzig, mit allem was dazu gehört. Schmutzig, aber perfekt. Alles klar?

Scham

All diese Themen, Körper, Sex, Essen, sind einerseits Dinge, die in unserer Gesellschaft überall zu sehen sind, überall und intensiv beworben werden. Wir sind immer umgeben von Bildern von Körpern, Sex und Essen und gleichzeitig sind sie als komplexe Phänomene, die zu einer individuellen Person gehören äußerst schambesetzt. 12-jährige Mädchen tragen Tangas und hohe Schuhe, ahmen die Bilder nach, die sie tagtäglich in den Medien sehen, lernen aber was ihre wirklichen, auch ihre körperlichen, Bedürfnisse, angeht teilweise immer noch nicht mehr als vor 50 Jahren. Ich muss innerlich lachen und weinen, wenn ich höre, dass unsere Gesellschaft sexuell befreit ist. Es ist eher so, dass wir die Sexualität von unseren Körpern und unseren individuellen Bedürfnissen abgekoppelt haben und sie uns als externalisiertes Produkt entfremdet über Konsum wieder aneignen können. Das kann weder zu einem erfüllten Sexleben, noch zu einer generellen Zufriedenheit im Leben führen. Wenn wir gut miteinander leben wollen, müssen wir mit unseren Bedürfnissen in Kontakt sein, wir dürfen keine Angst haben, uns so zu zeigen wie wir sind.

Schluss

Mein Resümee aus der Auseinandersetzung mit den Themen Körper, Sex und Scham in Bezug auf Girls ist, dass wir unbedingt mehr Vorbilder wie Hannah brauchen. Unterschiedliche und vor allem unperfekte Rollenvorbilder, zwischen denen wir uns besser finden können als in einer unerreichbaren Norm. Ich wünsche mir Narrative mit Menschen, die anders sind, ohne dabei ins Lächerliche oder in irgendeine spezielle Weirdo-Ecke gezogen zu werden. Gleichzeitig brauchen wir eine Kultur der Offenheit in Bezug auf den Diskurs über unseren Körper, über Sexualität und die dazu gehörigen Schamgefühle. Dazu gehört eine Kultur des Scheiterns, eine Kultur der Schwäche. Innerhalb dieser Kultur wird jede Schwäche in dem Moment zur Stärke, in dem sie beschrieben, geteilt und damit getragen wird. Ich hätte es so gerne selbst gehört und verstanden als ich jung war, deswegen sage ich Euch jetzt: „Ihr seid großartig! Die Gesellschaft irrt sich! Ihr müsst Euch nicht ändern, wir müssen uns nur zusammen tun, unsere Schwächen in Stärken verwandeln, und die Gesellschaft verändern!“

 

 

 

 

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4 Antworten zu “Shame on us – über Körper, Sex und Scham in „Girls“

  1. Ein sehr schöner Post 😀
    Ich denke, da steht noch einiges an Arbeit vor uns.
    Selbst wenn ich in den Spiegel schaue und denke: „Wow, siehst du toll aus, deine Kurven sind schön und die Haare sitzen perfekt!“, kommt trotzdem eine Stimme heraus, die mir diese Gedanken verbietet. Ich habe realisiert, dass es die Stimme der Gesellschaft ist, die mir sagt: „Frauen haben sich zu hassen. Eine Frau, die sich nicht hasst gibt es nicht – oder sie lügt!“

    Liebe Grüße 😀

    • Danke dir 🙂 Viel Arbeit gibt es auf jeden Fall, aber ich bin sicher, dass es Frauen gibt, die sich nicht hassen und die anderen lernen können, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben. Und wir brauchen diese Vorbilder dringend! Ich selbst bin auch einen kleinen aber sehr wichtigen Schritt weitergekommen und möchte allen Mut machen 🙂

  2. Ich habe neulich ein wenig über das Thema Pornographie gelesen und muss nun meinen Senf unbedingt dazugeben. 😉
    Ich verstehe deine Empörung über „Porno[s]“, aber würde gern kurz folgendes anregen: Auch, wenn in Filmen von der sogenannten Pornoindustrie, der dargestellte Sex oft sehr maschinell wirken kann, so wird er doch meist nicht von Maschinen ausgeführt, sondern immer noch von Menschen. Ich denke, du wolltest verbildlichen? Schreib’s den Darsteller*innen zu Liebe vielleicht dazu?
    Zudem ist da noch die Frage, ob nicht alles Pornographie ist, was Sex darstellt – egal, ob es Ziel der Mitwirkenden ist, dass das Dargestellte aufgeilen und sich toll verkaufen soll, oder ’nur‘ darstellen soll. Ich finde diese Aufteilung zwischen diesen beiden Polen, deren Übergänge oft sehr fließend sind, sehr schwierig und teils auch irreführend. Nur, weil pornographisches Material in Literatur/Spielfilm/wasauchimmer eingebettet ist, ist es nicht weniger pornographisch. Und nur, weil die Darsteller*innen in Sexszenen/Pornographie nicht makellos oder sonstwie normativ sind und die Darstellung in einen Kontext eingebettet ist, ist auch nicht weniger von Pornographie zu sprechen, wie ich finde.
    Wobei ich mit dir übereinstimme, dass wir mehr selbstverständliche Vielfalt in den Medien brauchen. Auch, was Pornographie angeht!

  3. Pingback: Ja, es sind Schmerzen | blogmitherz.·

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